Die Rückkehr der
 
                       grünen Fee

 

Mal soll er willenlos machen" mal wahnsinnig - kein Alkohol wird von mehr Mythen umrankt als Absinth. Jetzt erobert das einst verbotene grüne Kultgetränk Europas Nachtleben zurück.

 

Das Faszinierende an Absinth ist seine energetische Wirkung und seine Aura aus Skandal, Erotik und Kunst. Nicht umsonst bezeichnet ihn Coppolas Dracula als das Aphrodisiakum des Jahrhunderts'.

 

Doch nicht nur in Berlin und Wien  sondern in allen deutschen und österreichischen Großstädten ist der früher verfemte Absinth das neue Szene- Getränk. Absinth ist ein lebender Mythos: Kein anderer Drink wurde so glühend verehrt und zugleich so tief verabscheut wie Absinth. Der Name des smaragdfarbenen Destillats rührt vom griechischen Absinthion her, der Bezeichnung für die bittere Wermutpflanze. Gegen Ende des 18.Jahrhunderts entdeckte ein Schnapsbrenner im Val-de-Travers im Schweizer Jura das Rezept zur Herstellung eines Wermut-Destillats. Das Getränk fand so viel Anklang, dass sich schon 1797 die erste Absinth-Destillerie in der Schweiz etablierte. Neben Wermut wurden bei der Herstellung von Absinth auch Kräuter wie Anis, Melisse, Minze oder Koriander zugegeben. Bald entwickelte jede Brennerei ihre eigene Variante. Mit seinem Alkoholgehalt von bis zu 80 % war Absinth eine der wuchtigsten Spirituosen der Welt. Von 1840 am wurde das Gebräu den französischen Soldaten im Algerienkrieg als Mittel gegen Fieberanfälle und die mörderische Sahara-Sonne verabreicht. Chronische Absinth-Trinker fielen im Einsatz zwar wegen ihrer hohen Gewaltbereitschaft auf.  Trotzdem fanden die Kolonialkrieger Gefallen an dem herben Getränk mit der Anisnote und brachten eine neue Trinkvorliebe mit ins Mutterland. Zuerst verbreitete sich der Brauch des Absinth-Genusses bei der französischen Bourgeoisie, dann erlagen auch die Künstler und Literaten der Boheme dem Charme des geheimnisvollen Getränks. Aus den Salons und Boudoirs waren die grün opalisierenden  Absinth-Flaschen, die schlanken Aperitifgläser und die bauchigen Wasserkaraffen zum Verdünnen nicht mehr wegzudenken. Das Getränk bekam den Kosenamen ,“La Fèe Verte", "Die Grüne Fee". Denn es ging die Sage, dass den Liebhabern des Getränks eine hocherotische, grüne Fee erscheine. In Frankreich schossen zu Tausenden Absinth-Bars aus dem Boden, in denen man über das Tagesgeschehen parlierte, seine Kreativität beflügelte oder seinen inneren Dämonen freien Lauf ließ. Kapital-Bosse, Künstler und Kokotten huldigten gleichermaßen dem Aperitif, der die Libido anheizte. Doch die "Grüne Fee" hatte auch Gegner. Französische Ärzte beobachteten bei schweren Absinth-Trinkern einen verstärkten Hang zu Selbstmord und Wahnsinn. Die Schuld daran gaben die Ärzte dem Nervengift Thujon, einer Verbindung im ätherischen Öl des Wermuts. In der Tat hat Thujon eine molekulare Ähnlichkeit mit Tetrahydrocannibinol (THC), dem psychoaktiven Wirkstoff von Marihuana.

 Absinth hat wie kein anderes Getränk das Lebensgefühl des Fin de Siècle inspiriert. Das Teufelsgebräu verkörperte perfekt das dekadente Schillern und die dionysische Ekstase am Ende des 19. Jahrhunderts. Der Lyriker Charles Baudelaire, der seine Opium-Trips mit immensen Absinth-Mengen abrundete, bekannte dankbar: "Absinth gibt dem Leben eine feierliche Färbung und hellt seine dunklen Tiefen auf." Der Dichter Paul Verlaine war dem Absinth so zugetan, dass er des Öfteren die Kontrolle über sich verlor und grün sah: Nach etlichen Flaschen Absinth feuerte er mit einem Revolver auf seinen Kollegen und Liebhaber Arthur Rimbaud los, der ebenfalls ein inniges Verhältnis zur "Fee" hatte.

 Der Dandy Oscar Wilde - auch er ein treuer Kunde der „Fee" sinnierte: "Nach dem ersten Glas siehst du die Dinge so, wie du sie gern hättest. Nach dem zweiten Glas siehst du die Dinge so, wie sie nicht sind. Und ganz zum Schluss siehst du die Dinge so, wie sie wirklich sind." Vincent van Gogh trieben seine Absinth-Exzesse soweit, sich sein Ohr abzuschneiden und einer Prostituierten zu schenken. Auch die Chromatik von Pablo Picassos „Blauer Periode" hätte weniger stark gelodert, wenn dieser nicht dem Absinth zugesprochen hätte.

 Um die Jahrhundertwende war Absinth zum französischen Nationalgetränk avanciert. Doch je mehr die "Grüne Fee" Nachtschwärmer und Lebemänner in ihren Bann zog, desto mehr machte sie sich Feinde bei den Moralaposteln. Für den Alkoholgegner Bund der „Blaukreuzer" war Absinth der Motor aller sexuellen Ausschweifungen und Laster. Auch die Weinlobby machte Front gegen das grüne Kultgetränk. Absinth wurde wegen der steigenden Weinpreise immer stärker zu einer attraktiven Alternative auf dem europäischen Alkohol-Markt. Allein in Paris wurden zu Beginn des Jahrhunderts jährlich über 220 Millionen Liter Absinth getrunken - wesentlich mehr als Wein!

 Für die Moralapostel war Absinth der
Motor aller sexuellen Ausschweifungen«

 Die Situation kulminierte am 28. August 1905, als ein Schweizer Weinbauer namens Jean Lanfray nach einigen Gläsern Absinth seine Familie mit einem Karabiner auslöschte. Obwohl sich der "Absinth-Mörder" Lanfray vor seinem Amoklauf auch mit fünf Litern Wein und mehreren Brandys in Stimmung gebracht hatte, forderten die europäischen Behörden ein sofortiges Absinth-Verbot. Ein bekannter Pariser Kolumnist wetterte: „Wenn Absinth nicht verboten wird, wird aus unserem Land bald eine riesige Gummizelle, wo die Hälfte aller Franzosen damit beschäftigt ist, die andere Hälfte in Zwangsjacken zu stecken." Nationalistische Zeitungen hetzten gegen den in Flaschen abgefüllten Wahnsinn Absinth", der für sie eine jüdische Geheimwaffe zur Demoralisierung Frankreichs war. Die Absinth-Hysterie in den Medien trug Früchte: 1908 brach in der Schweiz eine Volksabstimmung den Stab über das populäre Getränk. 1912 verbot die USA die Grüne Fee", 1914 folgte Frankreich dem Verbot, 1923 zog Deutschland nach.

 Fabrikation, Einfuhr, Transport, Verkauf und Aufbewahrung zum Verkauf von Absinth sind verboten“ - so lautete ab den zwanziger Jahren die Gesetzgebung in der Mehrzahl der europäischen Länder. Lediglich in Spanien, Portugal und der Tschechei überlebte der Absinth in kleinen Destillerien, ohne dass größere Schäden an der Volksgesundheit sichtbar geworden wären. Doch mit den Gesetzesangleichungen der EU darf Thujon seit 1998 in geringen Mengen wieder vertrieben werden. Maximal zehn Milligramm sind pro Liter Alkohol erlaubt. In den Hochzeiten des Absinth Kults war in der „Grünen Fee" fünfmal soviel Thujon enthalten.

 Trotz des eingeschränkten Thujon-Gehalts, versichern die neuen Liebhaber des Getränks, stellen sich bereits nach mehreren Gläsern Absinth - pur oder mit Wasser verdünnt - aphrodisische Gefühle und bizarre Träume ein.

 Wer freilich in den authentischen Endzeitrausch des Fin de Siécle eintauchen möchte, wer also sein Ohr ins Bordell tragen oder mit Revolvern herumschießen möchte, für den ist es mit wenigen Gläschen nicht getan. Der muss an die "Fee“ mit einer ganz besonderen Einstellung herangehen, die Baudelaire, der vielleicht glühendste Verehrer des Getränks, so umschrieb: Man soll sich immer und unablässig betrinken, um die Bürde der Zeit, die einen zu Boden schmettert, nicht zu fühlen."